Röyksopp in Amsterdam

Konzert 2023.01: Röyksopp

18.2.2023, Gashouder, Amsterdam, Gesamtbewertung: 5,0 (10)

Bewertungen (0-10)
Künstler/Band: 4 (wegen der fehlenden Sänger:innen)
Musik: 3 (wegen der enttäuschenden Setlist)
Sound: 7
Bühnenbild: 4
Location: 7

Selten hatte ich direkt nach einem Konzert schon so detailliert meine ausformulierte Kritik im Kopf wie nach diesem – sagen wir mal – „Erlebnis“. Und selten war ich mehr enttäuscht von einem „Konzert“. Und schon garnicht von einem mit so einem Reise-Aufwand. Am Ende speichere ich es ab, als schönes Wochenende in Amsterdam in netter Runde.

Eigentlich hab ich garkeine große Lust, überhaupt etwas zu meinem ersten 2023er Konzert zu sagen. Man soll ja „Hate-Speech“ meiden und das fällt mir schwer heute. Falls sich also jemand persönlich angegriffen fühlt, dann bitte Bescheid sagen, damit ich darauf reagieren kann.

Ein kurzer Prolog: Ich hatte Röyksopp 2002 für mich entdeckt, als „Poor Leno“ noch als Mischung aus „Ambient“, „Chill Out“, „Trip Hop“ und „Drum’n’Bass“ wahrgenommen wurde. Nach dem genialen zweiten Album von 2005, als sie begannen mit hervorragenden Gast-Sängerinnen auch sehr „poppige“ Titel zu schreiben, war klar: Die will ich live sehen. Und wie der Zufall es so will, spielten sie damals noch in Frankfurt im Mousonturm. Ich war also dort und es war eines der besten Electro-Konzerte an die ich mich erinnern kann. Was auch daran lag, dass der Gesang der Gast-Sängerinnen großartig war und auch die Parts, die von den Jungs gesungen wurden, fügten sich sehr gut ein in die authentische Electro-Performance mit jeder Menge Synths auf der Bühne, die live beackert wurden. Wer von den Sängerinnen damals live dabei war, weiß ich nicht mehr genau. Auf dem Album waren es damals Kate Havnevik und Karin Dreijer (Fever Ray/The Knife). Auf jeden Fall war eine der Sängerinnen schwanger. Aber egal. Sie waren hervorragend.

Und da sind wir schon beim größten Problem dieses „Konzerts“: ALLE Stimmen kamen ausschließlich vom Band/Sampler. ALLE! Selbst die 2 Jungs haben außer ein paar DJ-Parolen nix von sich hören lassen. Wenn irgendjemand eine Info zum „Gesangskonzept“ der True Electric Tour findet, gerne in die Kommentare schreiben. Ich habe wie bekloppt gesucht, aber nichts gefunden. Nicht in den Trailern, nicht im offiziellen Newsletter der Band oder auf deren Website. Auch auf deren Facebook-Seite bin ich bis zur Tour-Ankündigung zurück gescrollt und habe nichts dazu gefunden. Umso erstaunlicher, dass man überall nur begeisterte Kommentare liest und auch vor Ort eigentlich scheinbar alle Spaß hatten. Entweder zensieren Röyksopp die enttäuschten Kommentare oder ich bin einfach zu alt für so einen Scheiß. Oder die Leute sind so willenlos, dass man denen jeden Scheiss vorsetzen kann. Frei nach dem Motto „Hauptsache Party“.

Apropos zu alt: Nicht nur, dass der Gesang komplett Playback war. Auch die wenigen „melodischen“ Songs (für die ich Röyksopp liebe), wurden live überwiegend als Techno-Remix (z.B. What else is there?) gespielt. Eigentlich war es ein Rave und kein Konzert. Das fände ich grundsätzlich OK, aber dann bitte deutlich so ankündigen. Ich wäre dafür nicht nach Amsterdam gefahren.

So, jetzt nochmal etwas sachlicher zum eigentlichen Event
Die 2 Norweger standen in phantasievollen Kostümen in Pet Shop Boys Art gekleidet hinter einem Halbkreis aus Synths, Laptops, und weiteren elektronischen Klangerzeugern auf einem Podest. Der untere Bereich gehörte 4 Tänzern, bei denen ich anfangs noch die Hoffnung hatte, dass sich die eine oder andere Sängerin oder Sänger unter ihnen befindet. Nach dem dritten oder vierten Song musste ich dann einsehen, dass es sich doch nur um 4 zugekokste Waldorf-Schüler:innen handelte, die sich einen Extra-Stern in Ausdruckstanz verdienen wollten. War zwar OK, aber hat mich nicht sonderlich beeindruckt. Achso, ich wollte ja sachlich bleiben. Schwierig bei diesem Event…
Immerhin haben Svein Berge und Torbjørn Brundtland (so die Namen der Röyksopp-Jungs) ihren eigentlichen (musikalischen) Part gut performt. Auch wenn der musikalische Anspruch durch die überwiegend technoide Setlist überschaubar war, wurden – soweit ich das beurteilen kann – sämtlichen Sounds live auf der Bühne erzeugt.

Wer jetzt denkt, dass wenigstens visuell etwas spannendes geboten wurde, den muss ich enttäuschen. Zwar waren die flackernden Movingheads, Blender und LED-Installationen, sowie die 7 Laser ganz nett anzusehen, aber ich hätte mir bei so einem Konzept mehr gewünscht. Zum Beispiel hätte man mit einer Videowand und Action-Cams zeigen können, was die beiden Herren da genau auf der Bühne treiben. So hat es Jean-Michel Jarre 1998 gemacht. Oder noch cooler, wenn die jeweiligen Sängerinnen per Video „gesungen“ hätten. So haben das die Pet Shop Boys vor etlichen Jahren mit Dusty Springfield gemacht, nachdem sie verstorben war. Andererseits hätte sich das bei der Setlist mit so wenig Gesang garnicht gelohnt.

Zusammengefasst war die Veranstaltung einfach nicht mein Ding. Ich war nicht auf einen Rave vorbereitet, sondern ich wollte die wunderschönen Songs von Röyksopp live hören. Mit echter elektronischer Musik und echten tollen Stimmen, die der Atmosphäre der Songs gerecht werden. Vielleicht war die Setlist einfach nicht für mich gemacht oder meine Erwartungen waren einfach zu hoch und meine Enttäuschung deshalb so groß. Dieses Techno-Party-Konzept hätte in meinen Augen vorab viel deutlicher kommuniziert werden müssen. Und wenn ich daran denke, wieviele E-Mails und Facebook-Posts Röyksopp regelmäßig rausfeuern, dann wäre es ein leichtes gewesen, das Konzept mal vorzustellen. Vielleicht haben sie ja sogar eine besondere Technologie verwendet, um den Gesang auf eine bestimmte Art und Weise digital zu integrieren, um mit dem Gesang live variabler spielen zu können. Ohne Kommunikation und ohne Sicht auf die Technik weiß ich das allerdings nicht und da bin ich dann doch zu skeptisch um etwas zu feiern, was ich nicht nachvollziehen kann. Wir sind übrigens vor der letzten Zugabe gegangen, um noch eine leere Straßenbahn zu erwischen. Das habe ich noch nicht oft gemacht…

Noch ein Wort zur Location: Das Gashouder ist ein ehemaliger Gasbehälter, der auf dem Gelände eines alten Gaswerks von Westergas steht und ca. 2.000 Gäste fasst. Das Ding ist eigentlich ganz cool, aber die Bauweise hat einige Nachteile. Zum Beispiel sind die Klos teilweise in eine Art Container, bzw. Vorzelt ausgelagert. Und das teilweise als Dixie-Klos. Auch der Eingangsbereich mit den total überteuerten Gaderoben-Schließfächern (7€) ist in einem Vorzelt untergebracht. Trotzdem bekommt die Location heute mehr Punkte als alle anderen Kriterien. Auch das sagt schon eine Menge über die Veranstaltung aus…

Top Gänsehaut-Momente:
Fehlanzeige. Gabs hier nicht…

Here she comes again war auch eins der besseren.
This Time This Place – Noch das Beste des Abends
What else is there ist eigentlich mein Lieblingslied, aber diese Version (Trentemøller Remix) ist zum Kotzen.

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