Als bekennender langjähriger Depeche Mode Fan muss ich gestehen, dass ich dieses Mal sehr gespannt darauf war, was Dave Gahan und Martin Gore nach dem Tod von Andrew Fletcher machen würden. Ich hätte ja damit gerechnet, dass sich die beiden an die Kehle gehen und Depeche Mode Geschichte wäre. Umso überraschter bin ich zur Zeit von dem Bild „zweier“ Freunde. Ich bin gespannt, wie lange das gut geht.
Wie seit einigen Jahren bei jedem neuen Depeche Mode Album üblich, dreht das ganze Netz mal wieder durch und überschlägt sich mit Beiträgen. Meistens nur der Story wegen und selten wirklich wegen der Band oder gar der Musik. Man merkt, dass die meisten Autoren eigentlich keine elektronische Musik mögen und sich auch nicht damit auskennen. Depeche Mode wird in den Medien in der Regel als erfolgreichster Elektro-Act mit Stadion-Qualität gefeiert. Den Widerspruch darin erkennt kaum jemand. Ich persönlich widerspreche dem mehrfach vehement. Depeche Mode wissen selbst garnicht mehr, was sie sind. Um überhaupt als Stadion-Band-Anwärter zu gelten, verrocken sie seit Jahren ihre Musik und bringen mich dadurch zum Kotzen. Vor allem Live wird das deutlich, wenn der nervige Drummer Christian Eigner mit seinen scheppernden Rock-Drums nahezu jeden (auch alten) Song versaut.
Scheinbar ist es Martin hinter einem Keyboard zu langweilig geworden und spätestens nach Fletchs Tod, besteht Depeche Mode aus einem Sänger und einem Gitarristen. Depeche Mode hat keinen Keyboarder mehr. Das sagt in meinen Augen alles. Live und im Studio holt man sich „Fremde“ rein, die niemals den Spirit einer Band transportieren können. Also klar jammere ich der Zeit hinterher, als es mit Alan Wilder als Bandmitglied, Daniel Miller als Produzent und inoffizielles Mitglied für den Sound verantwortlich waren. Klar gabs Produzenten und Toningenieure, aber die beiden waren die Sound-Chefs. Das hatte noch Authentizität und Identität. Das ist lange vorbei…
Warum ich trotzdem jedesmal wieder hingehe weiss ich selbst nicht so genau. Wahrscheinlich der „alten Zeit“ wegen. Schließlich liebte ich Depeche Mode und die alten Sachen vergöttere ich noch Heute.
Der extreme Hype um das aktuelle Album und vor allem die nahezu euphorische Begeisterung von den offiziell „echten Fans“ hat mich dazu gebracht, mir das Album ausführlicher anzuhören und zu versuchen, es objektiv und vor allem ohne blinde Fan-Euphorie zu bewerten. Natürlich lasse ich euch daran teilhaben 😉
Ich gehe jeden Track von vorne bis hinten durch und schreibe meine Gedanken nieder. Zu viel Text ist es meistens nicht, aber ich denke, meine Kernaussage kommt jeweils rüber.
My Cosmos is mine ****
Eigentlich sehr schön atmosphärisch und duster. Bis auf den furchtbaren Psycho-Zwischenteil von Martin „gesungen“ sehr gut. Ein vielversprechendes Intro zum Album
Wagging Tongue ***
Zwar auf netten Kraftwerkigen Sequenzern und Sounds aufgebaut, aber die Gesangsmelodien erinnern mich irgendwie an irgendwas, was ich nicht mag. Und vor allem stören mich Martins Zweitstimmen, die mir zu Blues/Gospelig sind. Das ist einfach nicht meins. Und der Refrain ist schwach (aber immerhin vorhanden).
Ghosts Again *****
Das poppigste und beste Stück in meinen Augen. Sehr eingängiger Refrain und hier verstecken sich auch mal wieder ein paar echte Melodien. Hier habe ich wenig zu meckern. Statt der Gitarre würde ich mir natürlich Synths wünschen 😉
Don’t Say You Love Me **
Schon bei der Gitarre am Anfang könnte ich skippen. Wenn dann Dave mit seinem Gejammer anfängt, könnte ich kotzen. Irgendwie klingt es wie eine Mischung aus einem Quentin Tarantino Film und Chris Isaac. Von Lana Del Ray fände ich den Song wahrscheinlich super, aber von Depeche Mode mag ich das nicht hören. Wobei ich die Streicher im Song mag.
My Favourite Stranger ***
Den Song muss man ein paarmal hören, dann wird er ganz gut. Zwar leider ohne Refrain und ohne nennenswerte Melodien, aber der Basslauf und die analogen Drums mag ich gerne. Wobei die Gitarre hier auf Dauer nervt. Ich befürchte auch Schlimmes in einer eventuellen Live-Version. Wenn die Drums dann von einem Schlagzeug kommen und Martin die Gitarre noch mehr vergewaltigt, könnte das Schlimm werden.
Soul With Me *
Der Tiefpunkt des Albums. Martins Weltschmerz. Früher, als er den Weltschmerz noch auf dem Londoner Highgate-Friedhof besang, war das natürlich immer ein Highlight. Heute besingt er seinen Weltschmerz scheinbar in einer New Orleans Attrappe in Las Vegas und ich bin genervt. Das Foto vor dem amerikanischen Leichenwagen mit Zylindern aufm Kopf passt dazu sehr gut (siehe Booklet). Früher hätten sie das Thema nicht so plakativ in Szene gesetzt.
Caroline’s Monkey **
Hier kommt glaube ich das zweite meiner 4 Probleme mit Depeche Mode der Neuzeit sehr deutlich zum Vorschein: Ich mag Daves Gesang einfach nicht mehr. Er versucht zu sehr, „emotional und toll“ zu singen. Beim Schauspieler würde ich „Overacting“ dazu sagen. Der Song plätschert irgendwie vor sich hin und tut keinem weh. Wenn sich da irgendwo ein Refrain oder eine gute Melodie versteckt, hab ich sie noch nicht gefunden. Für mich Langweile pur.
Before We Drown *****
Eigentlich ganz schöner Song. Das wäre für mich eigentlich ein gelungener Abschluß für das Album gewesen. Das Arrangement und der Stil erinnert mich etwas an „Higher Love“, „Clean“ oder „Insight“. Natürlich lange nicht so genial. Interessant, dass dieser Song aus Dave Gahans Feder stammt (mit Gordeno und Eigner)
People Are Good ****
Ein Song, der durch Alan Wilder richtig gut hätte werden können. Wo wir beim dritten meiner 4 Problem wären. Ich finde die Vielfalt der Sounds von früher fehlen an allen Ecken und Enden. Mir ist das viel zu minimalistisch geworden. Abundzu ist das ja OK, aber manchmal brauche ich ein bisschen mehr Abwechslung im Sound. Und zwar nicht nur verzerrtes Gekratze, sondern auch mal ein Sample, eine kurze Melodie oder eine sphärische Fläche. Und dann war hier wieder der jammernde Gesang. Die Bridge (Heaven help me) finde ich super (oder soll das ein Refrain sein?)
Always You *****
Neben „Ghost Again“ mein Lieblingssong auf dem Album. Es klingt für mich am meisten nach Depeche Mode und könnte auch gut auf einem früheren Album zu finden sein. Zwar kein Hit, aber hier habe ich nix zu meckern.
Never Let Me Go ****
Hier kommen quasi alle meine Kritikpunkte zusammen: Schwacher Refrain, Gitarren statt Synthies, gospeliger Gesang (Zweitstimme Refrain). Trotzdem eins der besten Stücke auf dem Album.
Speak To Me ***
Im Prinzip ist hier auch nichts einzuwenden. Die Dramaturgie des Songs ist völlig OK und es gibt Melodien, Sphären und ein „Finale“. Aber irgendwie ergreift es mich nicht. Vielleicht zu viel Fokus auf Gesang, zu wenig auf den Sound? Irgendwie gewollt, aber nicht gekonnt. Für mich ein bisschen das Motto des Albums
Zusammenfassung
Dreimal 5 Sterne und dreimal 4 Sterne ist nicht wirklich schlecht, aber auch wieder kein Album, dass bei mir auf „Heavy Rotation“ laufen wird. Ich hab mich jetzt schon dazu zwingen müssen, es ein paarmal laufen zu lassen. Trotzdem gebe ich zu, dass das Album besser wird, wenn man es öfter hört. Vielleicht bin ich mittlerweile zu ungeduldig und dadurch etwas unfair.
Ein großes Problem für mich ist, dass Depeche Mode mittlerweile die Stimme sehr in den Fokus stellen. Ich verband mit Depeche Mode immer den besonderen Sound und die tollen Melodien, die durch eine sehr gute Stimme von Dave ergänzt wurden. Heute geht es vordergründig um die Stimmen der beiden und die Texte. Der Sound unterstreicht eher den Gesang. Das holt mich einfach nicht mehr ab.
Apropos Sounds: Ich finde die Sounds zwar nett, aber auch irgendwie uninspiriert und die Produktion ist relativ flach. Zu denken, es reicht ein paar nette alte modulare Analog-Synths ertönen zu lassen, ist mir zu billig. Das kann mittlerweile jeder, der ein paar PlugIns auf seinem Rechner installiert und die mitgelieferten Presets durchklickt. Ich spreche aus eigener Erfahrung 😉 Und das ganze dann mit ein paar Gitarren „interessant zu schrammeln“ funktioniert für mich nicht. Positiv zu erwähnen sind allerdings die guten Drum-Sounds und der Einsatz von echten Strings. Live wird das dann zwar vermutlich leider durch Rock-Drums und verzerrte Gitarren ersetzt, aber dem Album tut es gut.
Auch der Umgang mit Melodien ist auf dem ganzen Album wieder etwas enttäuschend. Meistens sind es nur Arpeggiator-Muster, die abgerufen werden, aber kaum mal eine wirklich gespielte Melodie. Ganz zu schweigen, dass mir kein Refrain (außer „Ghosts again“) in Erinnerung geblieben ist.
Texte sind mir ja meistens nicht ganz so wichtig, was mir für Depeche Mode etwas Leid tut, denn die sind eigentlich sehr gut auf diesem Album. Für meine Bewertung fallen die ebenso wenig ins Gewicht, wie die gewohnt geilen Visuals von Anton Corbijn.
Das Hauptproblem der letzten 6 Alben: Es bleibt nichts hängen. Auf jedem Album waren gute Stücke dabei, aber wenn die in meiner Shuffle-Playlist kommen, dann kann ich mich selten an den Namen eines Titels erinnern. Meistens skippe ich die sogar, weil ich einfach keine Lust darauf habe.
Mir erzählt immer jeder „Die haben sich halt weiterentwickelt“. Aber das stimmt nicht. Seit „Playing the Angel“ 2005 sind sie in meine Augen stehen geblieben. Die Entwicklung von „Speak & Spell“ 1981 bis „Songs of Faith and Devotion“ 1993 (von mir aus auch bis „Ultra“ 1996) war um Welten beeindruckender. Selbst bei den Visuals sind sie seit 2005 nicht weitergekommen. Auch wenn ich Anton Corbijn und seine Visuals ziemlich genial finde, könnten sie hier auch mal wieder was Neues probieren. Vor allem sollten sie mal ein anderes Produzenten-Team engagieren und mal wieder in England aufnehmen. Ich denke Amerika tut ihnen nicht gut.
Entdecke mehr von Elekthromas
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Ein Gedanke zu “Depeche Mode – Memento Mori”