Konzert 2023.02: Darmstadt
1.4.2023, Centralstation (Saal), Darmstadt, Gesamtbewertung: 7,2 (10) (gefühlt aber 9,0)
Bewertungen (0-10)
Künstler/Band: 6 (wegen fragwürdigem Live-Konzept)
Musik: 10
Sound: 10
Bühnenbild: 3
Location: 7
Gefühlt 12mal verschoben, habe ich schon kaum noch dran geglaubt, dass dieses Konzert jemals stattfinden würde. Wahrscheinlicher wäre es gewesen, dass eine neue Rechtslage wieder für eine andere Besetzung der Band gesorgt hätte. Dazu später mehr. Ursprünglich sollte das Konzert im April 2020 in der Darmstädter Krone stattfinden. Wow, zu schön um wahr zu sein. Eine meiner 80er Lieblingsbands in meinem Wohnzimmer der 80er. Ganz so kam es dann ja auch nicht. Ihr erinnert euch? Da gabs mal so eine Epidemie in unserem Land, die alles dorschenanner gemacht hat. Letztendlich war ich froh, dass der finale Termin keine Überschneidung mit irgendetwas anderem hatte. Vorherige Termine waren da nämlich durchaus problematischer 😉
Warum genau das Konzert jetzt in die Centralstation verlegt wurde ist mir nicht bekannt. Ich hätte die Krone cooler gefunden. Es war auch nicht zu voll, so dass man umziehen hätte müssen. Vielleicht hatte man durch die Zusammenlegung mit „Welcome to the robots“ mit einem großen Ansturm gerechnet, der aber ausblieb. Naja, egal. Hauptsache, es findet überhaupt statt und Holger Wobker ist noch Sänger.
Etwas Ballastwissen zur Band
Wer ist aber eigentlich Boytronic aktuell? Und warum ist das überhaupt ein Thema? Eigentlich waren Boytronic 1983 von Sänger Holger Wobker und seinem Partner Peter Sawatzki gegründet. Für Auftritte wurden noch die Tronic Twins dazugebucht, da Sawatzki nicht auftreten wollte. Es kamen 2 hervorragende Alben heraus: The Working Model 1983 und The Continental 1985. Als die erste Single „Hurts“ für das dritte Album erschien, zerstritt sich die Band und die Plattenfirma wegen der Reaktionen auf das prekäre Thema „Aids“, dass im Song behandelt wurde. Wobker verlies die Boytronic und die Band löste sich 1986 auf, bevor das dritte Album erschien.
Die Namensrechte lagen damals bei der Plattenfirma und die wollten dann die Popularität der Band nochmal zu Geld machen und engagierten das Hamburger Produktionskollektiv Matiz (Hoinkis/Panarinfo(Lewerenz)/Hauss) (später übrigens U96) und den Sänger Mark Wade. In dieser Konstellation kamen 2 Alben raus: 1988 Love for sale (das ist grausam) und 1992 The heart and the machine (das finde ich eigentlich garnicht schlecht).
Holger Wobker veröffentlichte dann 1988 mit Ralf Martens unter dem Namen „Kamerata“ ein schönes poppiges Album namens „Lovers And Other Strangers“, das von Zeus B. Held produziert wurde. Danach tauchte er ab und verbrachte sogar ein paar Jahre in einem Kloster irgendwo in Asien, um zu sich selbst zu finden.
Peter Sawatzki arbeitete damals noch bei 3 Joachim Witt Alben mit (Rucksack und Harpune, Märchenblau und 10 Millionen Parties) und veröffentlichte als „Ultrabass“ zwei hervorragende Trance/Ambient-Alben (TranceBeats, 1993 und „Planet Sys, 1995). Dann tauchte auch Holger Wobker wieder aus der Versenkung auf und die beiden begannen an Stücken für ein neues Album zu arbeiten. Das Schicksal war aber mal wieder ein Arschloch und Sawatzki erkrankte an Krebs. Da er damit nicht klar kam, begann er 1998 Selbstmord. Wobker war am Boden zerstört und verschwand erstmal wieder von der Bildfläche.
10 Jahre nach dem letzten Boytronic-Album wollte Hayo Panarinfo (Mastermind der Zweitbesetzung) ein neues Album produzieren. Aus welchen Gründen auch immer, nahm er dazu Kontakt zu Holger Wobker auf und zusammen kreierten sie 2002 das geniale Album „Autotunes“. Das von Gareth Jones (u.A. Depeche Mode) produzierte Werk war etwas mehr Synthpop/Darkpop und enthielt auch erstmals deutsch gesungene Titel. Ich finde das Album bis heute super.
In der Folge erschienen dann 2003 eine erweiterte Neuauflage des ersten Albums „The Working Model“, 2004 die 12″-Compilation „Maxi“ mit 4 neuen Titeln (auch mit Panarinfo) und 2005 eine erweiterte Neuauflage des zweiten Albums „The Continental“. Die Bonustracks der Neuauflagen sind übrigens sehr lohnenswert. Teilweise B-Seiten, aber auch ein paar unveröffentlichte Titel.
Panarinfo verlor dann aber scheinbar das Interesse an Boytronic und Wobker suchte sich neue Partner für das nächste Album „Dependance“ (2006). Allerdings klang das Album durch den Einfluss von Johms und Ziffels nicht mehr besonders nach Boytronic. Sehr „elektronisch“electro“ und modern. Allerdings etwas zu modern für meinen Geschmack. Nur „Little Italian Feeling“ und „Für immer“ (deutsche Version des 85er Songs „Forever“) können mich hier überzeugen. Der Rest ist mir zu schräg und klingt auch überhaupt nicht nach Boytronic. Da war mir sogar die Zweitbesetzung mit Panarinfo lieber. Folgerichtig trennte man sich wieder wegen künstlerischer Differenzen.
2009 hatten Panarinfo und Hauss dann scheinbar mal wieder Bock auf Boytronic und wollten zusammen mit Wobker ein neues Album aufnehmen. Warum dann das Album „Jewel“ erst 2017 und vor allem ohne Wobker erschien, ist mir nicht bekannt. Auf direkte Nachfrage bei Boytronic wurde mir nur mitgeteilt, dass Holger Wobker keine Musik mehr mache. Dazu konnte ich nichts weiteres finden. Neuer Sänger war der Brite James Knights von „Scarlet Soho“, der Solo ziemlich Italo-Disco mäßig drauf ist. Das Album fand ich garnicht mal so schlecht, auch wenn es ja wieder nur eine „Zweitbesetzung“ war. In dieser Besetzung (Panarinfo/Hauss/Knights) habe ich Boytronic dann erstmals auch Live gesehen und habe damals auch einen kurzen Bericht dazu verfasst: http://ballastwissen.blogspot.com/2017/03/konzert-201702-boytronic.html. Kurzfassung: Ich fand das Konzert eigentlich sehr geil, obwohl mir Holger Wobkers Stimme sehr gefehlt hat. James Knights hat sehr gut gesungen und die Setlist war auch ziemlich gut.
Danach wird es dann sehr bizarr: 2018 verkündete die offizielle Boytronic-Facebook-Seite ein neues Boytronic Album mit Holger Wobker an. Zusammen mit James Knights. Also 2 Sänger???? Ich war verwirrt und gleichzeitig gespannt. Aber mehr verwirrt. 2019 erschien dann „The Robot Treatment“ und es klang tatsächlich wieder sehr nach Boytronic in den Achtzigern. Vielleicht etwas mehr Italo Disco und weniger Synthpop. Auch die Stimme von Wobker hatte nicht mehr ganz den typischen Achtziger-Klang aus einer Mischung von Weltschmerz und Wut. Trotzdem gefiel mir das Album gut und ich fuhr sogar nach Berlin für meine erstes Konzert mit Holger Wobker: http://ballastwissen.blogspot.com/2019/09/konzert-201917-boytronic.html
Jetzt zum eigentlichen Konzert
Eigentlich war das Konzert ähnlich wie schon bereits 2019 in Berlin. Der größte Unterschied war, dass Holger Wobker weniger nervös war und sehr gut gesungen hat, wobei James Knights weniger gesungen hat. Dafür hat er für meinen Geschmack viel zu oft im Scooter-Style rumgebrüllt und versucht Stimmung zu machen. So ein bisschen der „Boytronic-Fletch“. Das fand ich sehr daneben. Ich hab mich gefragt, warum er nicht den armen Keyboarder etwas unterstützt hat, der neben sämtlichen Synths auch noch Backingvocals und die Vocoder-Stimmen (Roboter Voice) live performen musste. Ich finde, das hätte der zweite Sänger ruhig mal machen können. Er hätte auch meiner Meinung nach ein bisschen Percussions live beisteuern können. Ein paar Drumpads vor die Nase stellen und los geht’s. Ihr merkt: Es hat mich etwas genervt, dass James Knights in meinen Augen live eigentlich nahezu überflüssig ist. Und nicht nur das, er hat mich sogar etwas genervt. Selbst der Höhepunkt seiner Performance war fragwürdig, denn er sang das wunderschöne „My Baby lost it’s way“, das ich lieber in der Original-Version von Holger gesungen gehört hätte. Wobei James das gut gesungen hat. Wir Fans haben viel darüber diskutiert, warum das Live-Konzept James nicht mehr einbindet. Meine Vermutung ist, dass Holger so introvertiert und schüchtern ist, dass James zur Ablenkung die Mega-Rampensau rauslassen muss, um Holger eine gute Performance zu ermöglichen. Wenn das der Grund ist, war es sehr geglückt, denn Holger Wobker hat super gesungen und er war wie schon in Berlin Mega-Sympathisch.
Die „Show“ war – vom extrovertierten James abgesehen – erwartungsgemäß spartanisch. Anfangs hoffte ich noch auf ein bisschen Diashow, aber der Projektor war wohl nur für Raphael Kricklows „Welcome to the robots“ Veranstaltung gedacht, die nach dem Konzert begann. Dass es keine tolle Lightshow gab, fand ich jetzt nicht ganz so schlimm. Schließlich war es ja keine Tour, sondern nur ein einzelnes Club-Konzert. Wobei ich gehofft hatte, dass das Konzert doch zu einer Art „Mini-Tour“ ausgebaut würde, da Boytronic demnächst in der Schweiz „40 Jahre Working Model“ live zelebrieren. Ich hatte die Hoffnung, dass sie ihr Programm auch schon in Darmstadt in diese Richtung bringen würden. Haben sie aber leider nicht. Andererseits war dadurch die Setlist abwechslungsreicher und ich konnte mich über „Tonight“ freuen.
Die Setlist beinhaltete leider nur 11 Titel, was erstmal wenig klingt. Da sie aber einige Maxi-Versionen gespielt haben, war es aber nicht so kurz wie es vermuten lassen würde. Natürlich fehlten mir wieder viele Songs. Ich hätte zu gerne „Hurts“, „Forever“, „Recycled“, „Late night Satellite“ oder mehr von „The Continental“ oder irgendwas von „Autotunes“ gehört. Aber meine 4 Lieblingslieder (You, Luna Square, Diamonds and loving Arms (Maxi) und Tonight) waren dabei. Was will man mehr…?
Der Sound war übrigens sehr gut. Vielleicht etwas zu laut, aber noch nicht unangenehm. Vielleicht wirkte es auch nur sehr Laut, da der Saal leider relativ leer war. Ich hätte erwartet, dass es voller werden würde.
Auch, wenn ich jetzt doch relativ viel zu meckern hatte, fand ich das Konzert super. Gerade weil es so ein kleines nettes Club-Konzert war. Und man darf nicht vergessen, dass es grad mal 14,45€ Eintritt gekostet hat. Dafür war es viel besser, als es hier klingt. Ihr wisst ja auch, dass ich immer was zu meckern habe und oft zu kritisch bin 😉
Top Gänsehaut-Momente:
Tonight, Diamonds and loving arms in der Maxi-Version und YOU





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