Konzert 2023.04: Roger Waters (Pink Floyd)
28.5.2023, Festhalle, Frankfurt, Gesamtbewertung: 9,2 (10)
Bewertungen (0-10)
Künstler/Band: 10
Musik: 7
Sound: 10 +1 (Sensationell)
Bühnenbild: 10 +1 (Sensationell)
Location: 7
Einführung (updatet 1.6.23)
Eigentlich hatte ich mich nur gefreut eine der Lieblingsbands meines verstorbenen großen Bruders Andi und somit eine Band, die ich in meiner Kindheit schon kennenlernen durfte, mal live sehen zu dürfen. In diesem Fall nicht in der Besetzung von David Gilmour, der den Namen „Pink Floyd“ nach dem Streit Mitte der Achtziger nutzen darf, sondern mit dem original Sänger Roger Waters, der auch alle Texte verfasste und einen Großteil der Songs schrieb und sang. Eigentlich.
Leider ist das heutzutage so nicht mehr möglich, denn wir leben ja in einer Medienwelt, in der gerne Dinge behauptet oder interpretiert werden, die aus dem Zusammenhang gerissen sind oder einfach nicht ganz „politisch Korrekt“ zu sein scheinen. Man will es ja jedem Recht machen und so führt eine kritische Aussage gegen die Siedlungs-Politik Israels oder zur Rolle der westlichen Welt beim Ukraine-Krieg schnell dazu, in einen Topf Antisemitismus oder Putin-Freund gesteckt zu werden. Ich will das jetzt garnicht zu detailliert diskutieren, auch wenn diese Punkte in meinen Augen durchaus thematisiert werden dürfen oder sogar müssen. Auch in der Richtung, in der das Roger Waters tut. Ich persönlich habe weder beim Konzert, noch im Internet irgendwelche Aussagen finden können, die ihn ernsthaft in ein zwielichtiges Licht stellen würden. Ihn als Antisemiten zu bezeichnen halte ich für ausgemachten Blödsinn. Ich kann nur sagen, dass Roger Waters seit Beginn seiner Karriere sehr offen für Toleranz, Frieden und Gerechtigkeit einsteht und dagegen jegliche Form von Hass, Gewalt, Rassismus, Imperialismus, Faschismus, Turbo-Kapitalismus und Religion ablehnt und kritisiert. Dem kann ich mich nur zu 100% anschließen. Auf Wikipedia ist zu dem Thema einiges zu lesen und ich schlage vor, ihr bildet euch dazu eure eigene Meinung: Roger Waters Kontroversen
Was Roger Waters vorzuwerfen ist, ist eine gewisse Naivität bei seinen Aussagen in Interviews, die Gelegentlich zeigen, dass er gerne schneller redet als er denkt. Er versteht nicht, dass er oft missverstanden wird (oder werden will). Ein Beispiel: Bei seinem Vergleich zwischen George Floyd oder der getöteten palästinensisch-amerikanischen Journalistin Shireen Abu Akleh zu Anne Frank setzt er den aktuell realen Rassismus der USA oder Israels mit dem der Nazis im dritten Reich gleich (wobei er übrigens alle drei Fälle gleichermaßen verurteilt). Das ist zwar sehr populistisch, aber damit erzeugt er natürlich große Aufmerksamkeit für das Thema „Rassismus“. Die jüdische Gemeinschaft sieht diesen Vergleich aber logischerweise aus der Rolle der Opfer. Und da ist es natürlich mehr als unglücklich, die Unterdrückung der Schwarzen in den USA oder auch die getöteten Palästinenser durch Israelische Milizen mit dem größten Verbrechen der bisherigen Menschheitsgeschichte, der systematischen Massenvernichtung von Millionen Juden durch die Nazis, zu vergleichen. Natürlich versteht man das dann als respektlose Beleidigung und Verharmlosung des Holocaust. Das hatte Roger Waters aber nie so gemeint. Und das hat er auch mehrfach klargestellt. Hier sollte er aber einfach etwas an seiner Rhetorik arbeiten, um weniger Gefahr zu laufen, falsch verstanden zu werden. Es geht ihm um den Staat Israel, nicht um das Volk.
Wiedemauchsei: Ich konnte beim Konzert nichts ansatzweise Grenzwertiges erkennen oder rein interpretieren. Wobei Waters darauf hingewiesen hat, dass er in Frankfurt aus Respekt vor der historischen Bedeutung der Festhalle, in der im dritten Reich die Frankfurter Juden zur späteren Deportation gesammelt wurden, auf Elemente seiner Show verzichtet hat.
Zum einen verzichtete er auf den schwarzen Mantel mit Armbinde indem er eigentlich als verstörter Charakter „Pink“ unter Drogen – analog zu der Handlung von „The Wall“ – beim Song „Run like Hell“ in seinem Verfolgungswahn zu einem totalitären Agitator mutiert. Dieser Auftritt gehört seit 1980 zur Show von Pink Floyd. Dabei sei erwähnt, dass „The Wall“ von Waters geschrieben, größtenteils autobiografisch ist und der Haupt Protagonist „Pink“, dessen Vater von den Faschisten getötet wird, auf Waters basiert. Also auch hier ein Missverständnis, da hier ganz sicher kein Demagog verherrlicht wird, sondern eher sein Schrecken und sein grausames handeln dargestellt wird. Pink (aka Waters) ist also ein Opfer des Faschismus, was sich in seinen Wahnvorstellungen in seinem schlimmsten Alptraum manifestiert: Ein Faschist zu sein, der gegen Minderheiten hetzt. Zugegeben: Ohne die gesamte Handlung von „The Wall“ zu kennen, ist das aus dem Zusammenhang gerissen sehr verstörend. Die meisten Pink Floyd Fans kennen die Handlung und verstehen diese bizarre Szene. Ein Pressevertreter, der einen Ausschnitt auf YouTube sieht, ist mit Sicherheit sehr entsetzt. Dennoch würde ich mir wünschen, dass man sich dann erstmal informiert, warum der mann auf der Bühne so etwas macht, anstatt daraus gleich eine Story zu konstruieren. Aber so ist unsere Gesellschaft nunmal. Vielen geht es halt nur um die Sensation, die Einschaltquote, die Clicks und die Auflagen. Eine Welt voller oberflächlicher Selbstdarsteller.
Zum Zweiten verzichtete er auch auf die fliegenden Schweine, die – neben Kreuzen, Halbmond, Dollarzeichen, Mercedes Stern, McDonalds-M und einigem mehr – auch einen Davidstern aufgedruckt haben in dieser Form in Frankfurt. Die Aufdrucke waren allgemeiner und unverfänglicher, dadurch aber auch unbedeutender.
Seine „Willkommensbotschaft“ für die Konzertbesucher: „Solltest du zu den Leuten gehören, die Pink Floyds Musik lieben, aber Roger Waters´ politische Haltung nicht ertragen, dann verpiss dich an die Bar“ sorgt wiederum nicht gerade für eine De-Eskalation. Wobei ich ihn für dieses Statement durchaus feiere. Weniger wegen seiner Meinung, sondern eher wegen der grundsätzlichen Haltung, sich nicht den Mund verbieten zu lassen, sondern „Jetzt erst Recht“ zu denken.
Jetzt aber zum eigentlichen Konzert
Als wir unsere Plätze einnahmen, waren wir etwas verwirrt. Wir saßen vor einer Mittelbühne, auf der ein gigantisches Kreuz stand, dass die Bühne in 4 Bereiche teilte. Natürlich konnten wir nur 1 Bereich davon richtig einsehen und wir fragten uns, wie das später funktionieren soll. Die gesamte Konstruktion sah allerdings sehr beeindruckend aus. Als das Intro startete und man Gewitter-Donner im grandiosen Dolby-Atmos-Sound über sich hörte, waren erstmal alle Gedanken rund ums Konzert verflogen. Als nächstes hob sich das Kreuz und gab die riesige Bühne frei. Insgesamt 7 Musiker plus Roger Waters plus 2 Backgroundsängerinnen waren verteilt auf der Bühne. Ein Nachteil von Mittelbühnen ist natürlich, dass man immer nur einen Teil der Musiker sehen kann. Und oft auch nur von hinten. Ich bin also nicht so 100% begeistert von diesem Konzept. In diesem Fall war aber das Gesamtkonzept der Bühne so genial, dass ich darüber hinweg sehe.
Die musikalische Qualität aller Künstler auf der Bühne steht außer Frage und auch Roger Waters selbst wirkt trotz seiner 79 Jahre recht agil und voller Leidenschaft. Ein paar Gesangsparts, die meines Wissens im Original von David Gilmour gesungen wurden, haben die Backgroundsängerinnen Amanda Belair und Shanay Johnson oder Gitarrist Dave Killminster übernommen und auch da gabs nix zu meckern. Selbst die Saxofon-Soli haben mich ergriffen und wer mich kennt, weiß was das heißt. Nur die Gitarren-Soli waren mir ein paar mal zu viel.
Auch wenn die ästhetisch absolut genialen Visuals auf der kreuzförmigen Leinwand (mit herausragender Bildqualität) voller politischer Botschaften waren, kam es für mich nie aufgesetzt, hetzerisch oder unangemessen rüber. Die Aussagen waren passend zum jeweiligen Songtext und dadurch absolut authentisch. Natürlich wimmelte es bei bei den animierten Sequenzen nur so von drastischen Bildern, bei denen Protestierende enthaupten oder erschossen wurden oder reiche Männer als fette Schweine mit Zigarren dargestellt wurden. Diese Bildsprache bedient sich Waters aber schon seit seiner Pink Floyd Zeit mit der Siebziger Jahre. Ich finde das zeitlos und brillant. Negativ zu erwähnen ist zu den Visuals nur, dass scheinbar auf Grund der hohen Display-Auflösung die Live-Bilder nicht ganz Lippensynchron waren, was ich etwas schade fand, denn man guckte doch recht oft auf die Displays und war dann irritiert.
Ebenso beeindruckend wie die Qualität der Leinwände und der Visuals war der Sound. Der Hubschrauber, der als Soundeffekt in Dolby Atmos eingeflogen kam, ließ das Publikum in Deckung gehen und auch ich musste nach oben schauen, um sicher zu gehen, dass kein Hubschrauber in der Festhalle über mir fliegt. Aber nicht nur die Soundeffekte in Dolby Atmos Qualität waren der Hammer. Auch der Sound der Musik ist in der Festhalle selten so klar und gut abgemischt wie bei diesem Konzert.
Wahrscheinlich denkt ihr jetzt: „Wow, das muss ja der Hammer gewesen sein. Das war bestimmt das beste Konzert Deines Lebens“. Technisch gesehen stimmt das auch. Die Show war höchstens noch vergleichbar mit Lady Gaga, Mylene Farmer oder Jean-Michel Jarre. Aber selbst hatten nicht diese Perfektion. Dennoch hatte das Roger Waters Konzert eine große Schwäche: Die Musik.
Es klingt für euch vermutlich etwas merkwürdig, aber auf die Frage von Freunden, wie ich das Konzert fand, antwortete ich mehrfach mit den Worten: „Bis auf die Musik war es ziemlich genial“. Diese Aussage ist natürlich extrem subjektiv und typisch ich. Ich war natürlich nicht mit der Songauswahl zufrieden, bzw. den Versionen die gespielt wurden. Ein vermeintliches Pink Floyd Konzert ohne meine absolutes Lieblingsstück „Time“ kann schonmal nicht perfekt sein. Und warum er uns so geniale Titel wie „Hey You“ oder „Is there anybody out there“ von seinem Lebenswerk „The Wall“ vorenthalten hat, ist mir ein Rätsel. Wenigstens hat er „Anybody out there“ teilweise in „Comfortably Numb“ integriert, was ja sowieso schon immer so war. Die Version von „Another Brick in the wall“ fand ich auch etwas enttäuschend, da mir die Energie etwas fehlte. Vielleicht auch, weil natürlich kein Schüler-Chor auf der Bühne war. Trotzdem war das Intro mit den jetzt genannten Songs ein absolutes Highlight. Glücklicherweise habe ich das sogar auf YouTube gefunden und kann es mit euch teilen. Ansonsten spielte er für meinen Geschmack etwas zu viele Solo-Stücke (die ich garnicht kannte) und Songs, die mir zu rockig waren. Mir fehlte insgesamt etwas der innovative Sound von Pink Floyd. Es waren zu wenige musikalische Überraschungen zu hören. Ausnahme waren die Tape-Einspielungen und die Vocoder-Stimme vor „Sheep“. Am Ende war es aber doch „nur“ ein – wenn auch ziemlich perfektes – Rockspektakel. Dafür finde ich eine Bewertung von 7 schon erstaunlich für mich. Nennt es „Altersmilde“ oder „Sentimentalität“… Achso: Alleine für das furchtbare „Money“ gab es 2 Punkte Abzug. Das war live noch schlimmer, als es eh schon immer war…
Zu erwähnen sei noch, dass Waters mehrfach zum Publikum gesprochen hat. Ziemlich am Anfang sagte er unter Tränen, dass es ihn sehr verletzt habe, dass man ihm Antisemitismus vorwerfen würde. Er hat sich klar davon distanziert und auch ein paar Worte zur Rolle der Festhalle im dritten Reich genannt. Er verwies auch auf seinen lebenslangen Kampf gegen jede Form von Faschismus und Machtmissbrauch von Staaten und Institutionen, sowie der Unterdrückung von Minderheiten aller Art durch die „machtvolle Welt“. Später gab er noch ein paar persönliche Anekdoten über seine Familie oder Pink Floyd Mitbegründer Syd Barrett zum Besten, die ihn zeitlebens zu seinen Texten inspirierten. Leider hat mein englisch nicht ganz ausgereicht um alles zu verstehen, aber was ich verstanden habe, klang sehr interessant.
Top Gänsehaut-Momente:
Das Intro mit Comfortably Numb und Another Brick in the wall, Run like Hell, Wish you were here, Us & Them und Brain damage/Eclipse
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