Konzert 2023.05: Depeche Mode
29.6.2023, Deutsche Bank Park, Frankfurt
Support: Jehnny Beth
Gesamtbewertung: 5,2 (10)
Bewertungen (0-10)
Künstler/Band: 8
Musik: 8
Sound: 2 (auf dem Rang)
Bühnenbild: 7
Location: 1
Einführung
Achja, Depeche Mode. Was waren die vier Jungs aus Basildon früher meine Helden. Als Mitte der Achtziger alle anderen Synthpop Bands immer schlechter und gitarriger wurden, liefen sie konsequent elektronisch zur Höchstform auf. Sicherlich auch, weil ihr Label Mute ihnen keinen Druck gemacht hat, erfolgreich sein zu müssen. Die Band konnte „ihr Ding“ machen und das tun sie bis Heute. Leider, muss man da fast schon sagen, denn manchmal habe ich mir in den letzten 25 Jahren einen Plattenboss gewünscht, der den Herren in den Arsch tritt und sie an ihre alten Stärken erinnert: Ohrwurm Refrains, mitreisende vielschichtige Melodien, einzigartige elektronische Sounds, kraftvolle Beats und melancholische Atmosphäre durch tolle Flächensounds. Heute sind das wabernde Sounds, die jeder mit ein paar Virtual Instrument PlugIns mit Garageband hinbekommt und mittelmäßige Refrains , die man direkt nach dem Hören wieder vergisst (wenn überhaupt welche da waren). Und Dave will permanent zeigen, dass er genauso leidet wie Martin und sie jammern um die Wette.
Ihr merkt schon: Ich finde die Band nicht mehr ganz so gut. OK, mittlerweile weiß man, dass der Ausstieg von Alan Wilder, der für den Sound verantwortlich war, ein großer Schnitt war. Auch wenn das erste Album ohne ihn (Ultra) noch ganz gut war, spürte man die Veränderung in der Band. Damals (1996) hatte ich schon nicht mehr viel Hoffnung, dass der Alkoholiker, der Junkie und der Versicherungsvertreter noch mal was tolles abliefern würden und das darauf folgende Album „Exciter“ von 2001 sollte mich in meiner Furcht bestätigen: Es war saulangweilg.
Seitdem wurde es zwar wieder etwas besser und zwischendurch entstanden sogar mal einzelne gute Titel (z.B. Precious), aber die Tatsache, dass ich bei meiner Playlist „Depeche Mode 2000“ kaum die Lieder auseinander halten, geschweige denn die Titel nennen kann, spricht Bände. Sogar die Zuordnung zu den Alben und gar die Namen der Alben fällt mir schwer. Dennoch war das aktuelle Album „Memento Mori“ überraschend gut. Vielleicht sogar das Beste seit „Ultra“. Allerdings immernoch ohne annähernd an alte Werke heranreichen zu können. Bezeichnenderweise hatte ich nicht mal Lust, das Album vorm Konzert nochmal anzuhören. Anbei ein Link zu meiner Rezension von Memento Mori
Warum also gehe ich überhaupt immer wieder hin? Und das auch noch in ein beschissenes Fussballstadion mit 50.000 Menschen? Die Antwort ist einfach: Meine Verehrung und die Liebe zu allem, was die Band bis 1993 abgeliefert hat, ist so übergroß, dass es bis Heute reicht. Seit 1983 war ich auf jeder Tour von Depeche Mode und diese Tradition möchte ich nicht aufgeben. Zumal sie auf jeder noch ausreichend alte Sachen spielen, die es trotz teilweiser Verrockung immer wieder Wert sind. Und vielleicht ist das ja sogar die letzte Tour, denn ich bin mir nicht sicher, ob nach dem Tod von Mediator Fletch, dessen Hauptaufgabe darin bestand, die beiden Alphatiere Dave und Martin zu mediatieren, die Band fortbestehen kann. Ich glaube es eigentlich nicht.
Jetzt aber zum eigentlichen Konzert
Vorgruppe
Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, möchte ich gerne kurz den Support-Act Jehnny Beth erwähnen, die mir ziemlich gut gefallen hat. Das letzte echte Album der französischen Musikerin ist zwar bereits 3 Jahre alt, aber sie hat auch einige neue unveröffentlichte Titel gespielt. Ihre Musik ist insgesamt ziemlich vielschichtig und von diversen interessanten Kooperationen geprägt. Hier hat sie ein schönes Electro-Set präsentiert, dass prima zu Depeche Mode passt.






Depeche Mode – das Konzert
Nach der relativ entspannten Anreise mit dem ÖPNV und einem Zwischenstopp auf einem unsäglich ekligem Stadion-Klo (bereits vor Konzertbeginn) fanden wir relativ schnell unsere Plätze im ersten Rang der Gegentribühne. Für Innenraum bin ich ehrlich gesagt zu alt und auch zu klein. wobei das eigentlich auch egal gewesen wäre, denn in einem Fußballstadion sieht man eigentlich sowieso nur auf den FOS Plätzen (Innenraum „Front of stage“) was auf der Bühne passiert. Ansonsten klotzt man eh nur auf die Leinwände, was mich schon gleich dazu bringt, solche Konzerte grundsätzlich in Frage zu stellen. Wenn ich nicht einmal von meinem 150€-Platz ohne Fernglas irgendwas auf der Bühne erkennen kann, frage ich mich, warum dieser Hype um Stadion-Konzerte eigentlich so groß ist.
Ich hatte eigentlich vor, das Konzert „objektiv“ und relativ gut zu bewerten, aber das wird mir die letzten Tage schon wieder versaut, da alle wiedermal ganz euphorisch sind. Alle fanden es „MEGA“ oder „Der Hammer“. Auch „Ekstatisch“ oder „Überwältigend“ habe ich gelesen. Warum man bei Depeche Mode immer gleich so überschwänglich werden muss. Das hatte mich schon beim letzten Album total genervt. Das war OK. Mehr nicht! Ähnlich das Konzert. Da muss ich doch gleich mal gegensteuern und fange mit den Sachen an, die mich genervt haben, bzw. die ich Scheiße fand. Wer mich kennt, weiß dass ich meistens ziemlich nerdigen Kram zu meckern habe. Also bitte nicht wundern, worüber ich mich hier aufrege. Wenn ihr keinen Bock auf mein Gemeckere habt, springt am besten direkt hier hin… 😉
Es geht damit los, dass Fletch nicht einmal personell ersetzt wurde. Sprich: Bei DER Synthpop Band schlechthin, war nur noch ein Keyboarder auf der Bühne. Und der gehört nicht zur Band. Das ist schon etwas armselig. OK, Martin hat wieder öfter am Synthie gestanden als die letzten Jahre, aber das Bild war schon sehr komisch. Und auch wenn ich immer schon rumgelästert habe, dass Fletch nix gemacht hat außer zu klatschen und das Geld zu zählen, finde ich es jetzt doch etwas erniedrigend ihm gegenüber, dass es garnicht auffällt, dass er fehlt. Da hilft auch das einblenden seines Konterfeis bei „World in my eyes“ nichts. Ich finde, er wurde nicht ausreichend wertgeschätzt.
Mein zweiter großer Kritikpunkt war die Show. Eigentlich hätte ich wenigstens die üblichen geilen Visuals von Anton Corbijn erwartet, die den Sound perfekt visualisieren. Leider gab es die aber nur sehr spärlich und auch nicht in der gewohnten Qualität. Ich bin nicht mal sicher, ob die überhaupt von Herrn Corbijn waren. Das überdimensionale „M“, das in die Leinwand integriert war, beeindruckte zwar die ersten 2 Songs, aber dann empfand ich es eher als langweilig und fast schon störend. Gerade wenn man an das hohe Niveau von Visuals bei anderen Künstlern denkt, die ich kürzlich gesehen habe (z.B. The Cure, Pet Shop Boys, New Order, A-ha, Roger Waters), war das eine große Enttäuschung. Wenn wenigstens die Leinwände häufiger für „Live-Bilder“ von der Bühne genutzt worden wären. Aber teilweise blieben die Screens einfach schwarz und ohne mein Fernglas hätte ich nur eine dunkle Bühne bei Tageslicht mit ein paar Ameisenmenschen gesehen. Die Fotos täuschen hier übrigens, denn ich hab natürlich nur dann abgedrückt, wenn das Bühnenbild grad hübsch war.
Punkt Nummer 3 auf der Meckerliste ist Schlagzeuger Christian Eigner. Seit Jahren frage ich mich, warum er nicht konsequent ein E-Drumset benutzt? Er ist Drummer bei der größten Synthpop-Band aller Zeiten. Da will ich keine scheppernden Becken oder rockige Drum-Beats hören. Dass er es ja auch anders kann, hat er ja bei einigen Songs bewiesen (z.B. World in my eyes oder Stripped). Auch die neueren Songs sind auf den Alben mit interessanten Drumsounds produziert. Von denen hätte ich gerne mehr auf der Bühne gehört. Ich persönlich hätte es bei einer Synthpop-Band sogar cool gefunden, wenn ab und zu mal ein Drumcomputer gelaufen wäre und er Keyboards gespielt hätte (was er bei Waiting for the Night übrigens getan hat)
Eigentlich mit der größte Meckerpunkt ist allerdings der Sound. Das war wieder eine Katastrophe. Das ist natürlich weniger der Band zuzuschreiben, sondern eher der Lokalität. Ein weiterer Grund, Stadion-Konzerte zu meiden. Die Akustik ist auf den Rängen einfach scheiße. Vielleicht war es im Innenraum etwas besser, wo auch das Mischpult samt Tontechniker positioniert waren, aber auf dem Rang war es kurz vor unerträglich.
Natürlich darf auf der Meckerliste nicht fehlen, dass Dave wieder oftmals seinen Gesangspart den 50.000 Möchtegern-Daves überlassen hat. Ich singe auch gerne „mit“, aber bitte „mit“ dem Künstler, wegen dem ich 150 EUR ausgegeben hab und nicht „mit“ den anderen zahlenden Gästen, die mir sowieso mindestens 40.000 zu viele sind. Wobei ich auch hier zugeben muss, dass er es nicht mehr ganz so häufig gemacht hat. Sogar das ungeliebte „Just can’t get enough“ hat er relativ vollständig gesungen. Refrain-Boykott gab es dagegen vor allem bei „Stripped“, „Never let me down again“, „Everything counts“ und „Personal Jesus“.
So genug gemeckert. Jetzt zu den positiven Dingen. Die Setlist hat mir insgesamt ziemlich gut gefallen. Bis auf meine unten genannten „Kotz-Momente“ fand ich den Mix sehr gut und vor allem wurden die älteren Stücke sehr authentisch gespielt und nicht zu sehr verrockt oder modernisiert. Wobei „In your room“ in der etwas gitarrigeren Single-Version gespielt wurde, was aber im Stadion vielleicht sogar besser war. Die melancholische, dustere Stimmung bei den elektronischeren Stücken kommt mit 50.000 im Stadion sowieso nicht ganz so rüber. Das ist auch das Kernproblem mit Depeche Mode und Stadien: Sie sind einfach keine Stadion-Band. Die Musik gibt das nicht her und deshalb spielen sie ja auch jede Tour wieder stoisch ihre paar Rock-Hits (siehe Kotzliste), weil die eben stadiontauglich sind. Wenn sie darauf so stehen, sollen sie halt konsequent die Synthies verschrotten und eine Rockband werden. Dann muss ich wenigstens nicht mehr hingehen. Aber sorry, eigentlich war ich ja fertig mit meckern…
Positiv zu erwähnen ist, dass besonders die aktuellen Songs sehr gut rüberkamen. Die Auswahl der 5 Titel war bis auf das grausame „Soul with me“ OK und vor allem „Speak to me“ hat mir live sogar besser gefallen, als auf dem Album. Meine Lieblingslieder von „Memento Mori“ („Before we drown“ und „Always you“) waren zwar nicht dabei, aber das war auch nicht zu erwarten. Überraschend waren vor allem „A question of lust“, „Sister of night“, „Stripped“ und „Waiting for the night“. Vor allem fand ich es klasse, dass uns „A question of lust“ nicht in einer langweiligen Acoustic Version präsentiert wurde, sondern in voller Instrumentierung. Wobei ich hier doch nochmal eine kleine Meckerei unterbringen muss, denn „volle Instrumentierung“ mit nur einem Keyboarder ist bei Depeche Mode schwierig, denn gerade die Titel aus den späten Achtzigern, bei denen sich Alan Wilder im Studio mit vielschichtigen Soundcollagen ausgetobt hat, sind live mit einem oder 2 Keyboarder schwierig umsetzbar. Es ist kaum zu vermeiden, dass ein paar Melodien oder Flächen abhanden kommen oder vielleicht auch im schlechten Sound untergehen. Dadurch verlieren die Songs leider viel Atmosphäre. Seinerzeit waren eben mit Alan, Martin und Fletch drei Keyboarder auf der Bühne, die das insgesamt besser umsetzen konnten. Dennoch waren natürlich die alten Songs die Highlights. Vor allem, wenn Martin die Gitarre an den Nagel hing und als zweiter Keyboarder an den Synthie wechselte. Nerd-Anmerkung: Synthie ist hier nicht ganz korrekt, den er spielte mit einem Keyboard-Controller virtuelle Instrumente von einem Laptop. Das ist aber zeitgemäß und OK.
Auch wenn die Spuren der Zeit nicht an Martin und Dave vorbeigezogen sind, wirkten sie motiviert und agil. Dave wie immer etwas zu agil in meinen Augen. Vor allem das Gegröle in Richtung Publikum, was ich ja grundsätzlich nicht mag. Vielleicht auch ein persönliches Problem von mir, dass ich Konzerte weniger emotional bewerte, sondern eher technisch und organisatorisch. Wobei die Bewertung von Emotionen in einem Stadion bei mir auch eher zu Brechreiz führen würden. Ich brauche keine 50.000 Handy-Taschenlampen oder 50.000 im Rhythmus winkende Armpaare. Und auch wenn es beeindruckend ist, wenn 50.000 (meist besoffene) laut „Reach out and touch faith“ mit grölen, macht es mir auch ein bisschen Sorge. Ich mag es einfach nicht, wenn Massen einem Führer folgen und kollektiv nachmachen, was vorgemacht wird. Ich finde einfach kleine Konzerte emotionaler, wenn es etwas intimer ist und man die Künstler auf der Bühne auch noch ohne Fernglas oder Videoscreen erkennen kann.
Dennoch war das Konzert eins der besseren Depeche Mode Konzerte der letzten Jahrzehnte, denn es war weniger verrockt als zuletzt, Dave hatte weniger Refrain Boykott Allüren und die Setlist war sehr gut durchmischt. Zwei Tage später, beim zweiten Frankfurt-Konzert, haben sie übrigens „My favorite Stranger“, „Home“, „Shake the Disease“ (Acoustic) und „Condemnation“ gespielt und haben dafür „Speak to me“, „A question of lust“, „Soul with me“ (acoustic) und „Waiting for the night“ weggelassen. Ich bin sehr froh, beim ersten Konzert gewesen zu sein, denn sonst hätten 3 meiner Top-Momente gefehlt und die 4 „neuen“ Stücke hätten das nicht ansatzweise kompensieren können 🙂 Vor allem das wunderschöne “ Waiting for the night“ war in meinen Augen sogar trotz Stadion sehr emotional für mich. Nicht nur weil Drummer Christian Eigner endlich mal die Drums verlassen hat um neben Keyboarder Peter Gordeno einen zweiten Synthie zu bedienen, sondern eher weil Dave und Martin wundervoll Arm in Arm auf dem Laufsteg mitten im Publikum im Duett gesungen haben. Natürlich war es auch ergreifend, als bei „World in my eyes“ große Portraits von Fletch eingeblendet wurden.
„Enjoy the silence“ und „Never let me down again“ haben mich dagegen wie immer etwas enttäuscht, denn irgendwie arrangieren sie diese beiden Titel immer blöd. Beide würde ich mir einfach mal so wünschen, wie sie auf Platte arrangiert sind. Ohne irgendwelche Soli oder verlängerte Publikums-Gesangseinlagen. Die Lieder sind so geil, da muss man nix dran rumexperimentieren.
Fazit: Das Konzert war OK, die Location und der Sound beschissen, die Show etwas enttäuschend. Falls es noch eine Hallentour gibt, werde ich ziemlich sicher nochmal hingehen. Ob ich bei der nächsten Tour nochmal in ein Stadion gehe? Vermutlich ja. Leider…
Top Gänsehaut-Momente:
Waiting for the night, World in my eyes, Stripped, Walking in my shoes, In your room, Speak to me, A question of lust
Top Kotz-Momente:
Soul with me, I feel you (wie immer), A pain that I used to be, John the revelator.
Einige Videos
Einige Fotos
















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