Anne Clark in Hamburg

Konzert 2023.07: Anne Clark

23.11.2023, Elbphilharmonie (Kleiner Saal), Hamburg
Support: Livia Kojo Alour
Gesamtbewertung: 6,4 (10)

Bewertungen (0-10)
Künstler/Band: 9
Musik: 5
Sound: 10
Bühnenbild: 3
Location: 5

Einführung

Anne Clark gehörte in den Achtzigern zu meinen ganz großen musikalischen Heldinnen. Ihr lebensfeindlicher Sprechgesang kombiniert mit der eiskalten elektronischen Musik von David Harrow oder später auch Charlie Morgan oder John Foxx traf damals mitten in mein schwarzes Herz. Anne Clark war so einzigartig, dass ich die Alben „Changing Places“, „Joined up Writing“, „Pressure Point“ und „Hopeless Cases“ bis Heute absolut liebe.

Live habe ich sie zum ersten Mal 1987 im Volksbildungsheim in Frankfurt gesehen, als „The Vyllies“ Vorgruppe waren. Damals war es phantastisch, denn es gab ja nur die 4 genannten Alben und das Risiko eines unerwünschten Songs war quasi gleich null. In meiner Erinnerung waren auf der Bühne 2 Keyboarder, 1 Schlagzeuger (mit E-Drums) und ein Percussionist. Also ziemlich elektronisch. Auch das dazu veröffentlichte (geniale) Live Album „R.S.V.P.“ würde das so bestätigen. Also nix Gitarren, Cello oder Violinen damals.

2012 kam sie dann sogar in meine Heimatstadt Darmstadt und natürlich war ich in der Centralstation. Allerdings war ich dann sehr genervt vom Konzert. Ein schepperndes Rock-Schlagzeug, eine nervige E-Gitarre und bereits jetzt eine Violine versauten die wenigen Elektro-tracks, die es auf die Setlist geschafft hatten. Zwar war auch ein Keyboarder dabei, der auch die klassischen Sequenzer drauf hatte, aber zumindest in Darmstadt war das so schlecht abgemischt, dass man nur noch Drums und Gitarren hörte. Ich fands echt ziemlich öde und wollte nicht nochmal zu einem Konzert von ihr gehen.

Nachdem allerdings bekannt wurde, dass sie an Krebs erkrankte und diesen erstmal erfolgreich besiegt hat und nun wieder auf Tour mit einer Band gehen würde, wurde ich dann doch hellhörig. Sie hat zwar in den letzten Jahren eher ruhige Sachen mit Cello und Violinen gemacht, aber „mit Band“ machte mich neugierig. Als ich dann noch gesehen habe, dass sie in der Elphie in meinem geliebten Hamburg auftritt, war klar, dass ich da hin will. Mein erstes Konzert in der Elbphilharmonie. Wenn auch nur im kleinen Saal.

Auf der Karte stand 19:30. Nix von Einlass oder Beginn oder whatever. Eigentlich bin ich ja eher jemand, der dann schon um 19:00 da ist, um nix zu verpassen, doch wir waren vorher noch was essen. Da wir mit dem Zug angereist sind und der überraschenderweise große Verspätung hatte, bzw. garnicht erst bis Hamburg reingefahren ist, sondern uns in Harburg abgesetzt hat, waren wir etwas spät. Wir dachten halt, wenn da 19:30 drauf steht, reicht auch 19:30 dort sein. Das waren wir auch. Sogar um 19:28. Allerdings hat uns der nette Mann am Eingang des Gebäudes bereits ermahnt, wir seien zu spät und dass die Türen pünktlich geschlossen würden. OK, wir waren uns nicht sicher, ob wir in Panik verfallen sollten oder gelassen die endlose (coole) Rolltreppe der Elphie hoch pillern sollten. Wir entschieden uns für den Mittelweg. Als wir oben ankamen war es tatsächlich gähnend leer im Vorraum. Die meinen das also ernst, wenn da 19:30 auf dem Ticket steht. Das hatte ich so noch nie erlebt. Die Dame am Einlass, die normalerweise eher gut betuchte Intellektuelle begrüsst, war etwas pikiert, als wir Richtung Eingang kamen. Sie tadelte uns und meinte, sie könne uns nicht mehr reinlassen, da es schon begonnen habe. Wir mussten also bis zum ersten Applaus warten. Zeit für Klo und Gaderobe…

Support Act: Livia Kojo Alour

Wir huschten also schnell in den Saal und konnten noch nicht soviel sehen, da das Licht bereits aus war und das Konzert schon lief. Natürlich war das erst der Support Act und ich finde, wir haben nicht viel verpasst. Auch wenn die jetzt in London lebende Hamburgerin Livia Kojo Alour eigentlich eine coole Künstlerin zu sein scheint, klang sie für mich wie Anne Clark in RnB Version. Livia war eine „One-Woman-Show“ mit einem iPad und einem Vocal Looper, mit dem sie Gesangsstimmen live sampelte und mehrstimmig aufbaute um dann noch eine Stimme live darüber zu singen. Wenn sie gesungen hat (statt zu sprechen) fand ich es auch ganz gut. Der elektronische Sound kam komplett aus dem iPad und so fand ich die Performance etwas langweilig. Wären da nicht die gospelartigen Passagen gewesen, hätte es mich wenigstens nicht genervt, aber so war ich froh, als es vorbei war. Es folgte eine Pause von angekündigten 15 Minuten, die auch exakt eingehalten wurde. Es gab also nur ein Bier-Quickie…

Das Video verspricht mehr als es dann war…

Das Konzert

Den Anfang fand ich schonmal vielversprechend. Ein Typ am Keyboard (leider nicht ersichtlich welche Art Keyboard) startete erstmal ein paar wabernde Synth-Sounds. Es folgten ein Cellist und ein Geiger, sowie ein Gitarrist und ein Drummer. So weit, so langweilig. Ich konnte weder E-Drums, noch Synthies entdecken. Das lag daran, dass es beides nicht gab. Zumindest nicht offensichtlich, was für mich schon ein klares Statement war. Es folgte ein musikalisch perfektes Konzert mit einem phänomenalen Sound. Leider finde ich Perfektion aber nicht besonders spannend, wenn es um hoch emotionale Musik geht. Selbst bei den wenigen alten Songs kam keine echte Atmosphäre auf, die mich irgendwie berührt hätte. Die Musiker waren alle super. Der Keyboarder hat teilweise die Sequenzer und Arpeggio-Figuren wie ein bekloppter auf seinem Keyboard nachgehämmert. Ebenso die Streicher-Jungs haben sich den Wolf gefiedelt. Und der Drummer hat seine diversen Percussion-Elemente virtuos bearbeitet. Teilweise sogar mit einem Geigenbogen. Das hatte schon was. Aber es klang halt alles passend zur Location eher intellektuell mit einem Hauch Klassik. Bei „Sleeper in Metropolis“ und „Our Darkness“ kamen irgendwo aus dem „off“ (Laptop vom Drummer) dann auch die originalen Sequenzer, aber das wirkte so unauthentisch, dass mich selbst das nicht abholen konnte. Auch Anne Clarks Stimme hatte nicht mehr diese depressive Wut aus den Achtzigern, sondern klang altersmilde. Dadurch wirkten auch ihre Poems ganz anders als im original. All das ist nachvollziehbar und ich gestehe ihr auch zu, dass sie sich natürlich weiterentwickelt hat. Allerdings hat sie mich damit abgehängt. Ich fand es trotz hoher musikalischen Qualität einfach ziemlich langweilig, da es nicht authentisch war. Vielleicht sollte sie die alten Lieder ganz weglassen. Das wäre wenigstens konsequent…

Highlights: „This be the verse“, „Heaven“ und ein Song, den ich nicht kannte, bei dem der Drummer die Becken mit einem Bogen spielte.

Auch dieser Trailer verspricht mehr als es am Ende war
Vom Konzert in der Elphie habe ich keine Setlist gefunden. Müsste aber identisch gewesen sein.

Zur Elbphilharmonie

Die Elbphilharmonie ist auf jeden Fall architektonisch sehr gelungen und die Akustik ist der Hammer. Ich finde allerdings, dass ein Pop/Rock/Alternative/Electro Konzert hier absolut deplatziert ist. Dieses ganze „Tür ist jetzt zu“ und „Wir fangen nach dem Gong an“ ist mir zu spießig für ein Pop-Konzert. Völlig uncool und steif. Spaß geht anders. Allerdings ist die Aussicht sehr hübsch und das Gebäude selbst ist natürlich sehr beeindruckend.


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